“Sabine” – ein Blick hinter die Kulissen

Wer während eines Sturmtiefes wie am 10. Februar den Feuerwehrnotruf 122 wählt, wird vermutlich nur eine handvoll Einsatzkräfte sehen, die den Sturmschaden hoffentlich innerhalb kürzester Zeit wieder beheben.
Nur was passiert eigentlich alles im Hintergrund? Wir gewähren euch einen Einblick in die Feuerwehr Haslach.

Der Tag vor dem Sturm: 09.02.2020
Gegen 16:30 Uhr erreichten die Feuerwehren in Oberösterreich aktuelle Informationen der Landeswarnzentrale aus Linz. Mit dabei auch der Letztstand der zu erwartenden Sturmstärke sowie der prognostizierte Beginn von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG).
Bedeutet: Arbeit für den Gerätewart! Ran geht es an den Feinschliff bei den Ketten der Motorsägen.
Parallel werden die Kameraden über den aktuellen Stand informiert sowie letzte “Verhaltensregeln” mitgeteilt. WhatsApp sei Dank.

10.02.2020: Wann kommt “Sabine”?
Etwas früher als angekündigt macht sich “Sabine” gegen 08:30 Uhr bemerkbar. Um 08:56 Uhr dann Stromausfall im ganzen Gemeindegebiet. Wie sich später herausstellt, sind wir nicht die einzige Gemeinde, die davon betroffen ist.
Um 09:05 Uhr dann der erste Einsatz für die Haslacher Feuerwehr. Nur: ohne Strom geht auch die Sirene nicht. Hoffen, dass zumindest die automatische Einsatzverständigung per Telefon klappt. Glück gehabt: Das Handynetz steht zumindest teilweise noch, sodass einige Kameraden ins Feuerwehrhaus einrücken.
Sofort wird ein Notstromaggregat aus einem Auto entnommen um das Feuerwehrhaus zu versorgen. Dabei ein kurzer Blick auf die Einsatzmeldung: “PKW von Bäumen eingeschlossen, bei Winkler Parkplatz Fahrschule”. Sch***eibenkleister: Personenrettung! Fragende Blicke: “Hat die Einsatzverständigung per Telefon bei allen funktioniert?” Sicherheitshalber wird der Sirenenalarm nun händisch ausgelöst – dank Notstromversorgung funktioniert dies nun. Nun gilt es: alle Einsatzkräfte ab zur Personenrettung! Parallel dazu wird die Feuerwehr Rohrbach per Funk über diesen Einsatz verständigt und zusätzliche Kräfte angefordert. Diese befindet sich bereits selbst im Einsatz.
Ein Anruf bei der Polizei: um zu verhindern, dass sich weitere Personen in den gefährdeten Straßenabschnitt begeben, wird gebeten, die Straße zwischen Haslach und Rohrbach zu sperren.

Während die ausgerückten Kameraden notdürftig die Straße freiräumen um den Eingeschlossenen das Verlassen des Gefahrenbereiches zu ermöglichen, wird der Kommandoraum zur Einsatzzentrale umgewandelt. Es bleiben ja weitere Einsätze zu erwarten.
Neben dem bestehenden Computerarbeitsplatz wird ein Laptop aufgebaut und das Einsatzleit-Informationssystem (ELIS) in Betrieb genommen. Kommandant Thomas Kirschner und sein Stellvertreter Clemens Ornetzeder übernehmen nun die Einsatzleitung für das Gemeindegebiet Haslach und nehmen an den Arbeitsplätzen Platz. Aber sofort gilt der Kommandoraum als Tabu-Zone für alle Einsatzkräfte – ausgenommen Führungskräfte.

Als um 09:38 Uhr die Kameraden von der Personenrettung zurück im Feuerwehrhaus eintreffen, wird umgehend eine Einsatzbesprechung abgehalten und das Personal neu auf die Fahrzeuge zugeteilt. Zusätzlich wird je Fahrzeug ein Gruppenkommandant – also der Ansprechpartner vor Ort – bestimmt.

Kurz darauf der erste versorgungstechnische Engpass:  der Kaffeevorrat ist erschöpft! Gut, dass ein Haslacher Supermarkt trotz Stromausfall geöffnet hat. Noch bevor sich der Koffeinentzug beim Kommandanten bemerkbar macht, kann die Kaffeemaschine in Betrieb genommen werden. Glück gehabt!
Doch wer nun glaubt der Vormittag in der Einsatzzentrale würde sich zu einem netten Kaffeekränzchen entwickeln, der irrt: Im Minutentakt gilt es nun Funksprüche und Telefonate entgegenzunehmen. Nicht ganz einfach, wenn Telefon und Handy gleichzeitig klingeln. Erschwerend kommt hinzu, dass die Mobilfunknetze bereits am Ende sind: viele Anrufe kommen nicht mehr an bzw. ist die Sprachqualität unbrauchbar.
Auch wenn das Hauptkommunikationsmittel der Feuerwehr der Funk ist, ist es an so einem Tag alles andere als einfach, damit zu kommunizieren. Aufgrund der Tatsache, dass de facto jede Feuerwehr im Bezirk im Einsatz ist, ist auch das Funknetz entsprechend ausgelastet. Sobald eine kurze Sprechpause der anderen Wehren zu verzeichnen ist, gilt es, diese umgehend zu nutzen und “seine” Kameraden zu kontaktieren.
Parallel dazu werden Pressemeldungen verfasst und der Öffentlichkeit erste Infos auf unserer Homepage zugänglich gemacht.

Mittlerweile ist es 11 Uhr und der sechste Einsatz ist abgewickelt.
Das Kommandofahrzeug ist ständig auf Achse um sich ein Bild vor Ort zu machen. Ob die “kämpfenden Einheiten” vom Tanklöschfahrzeug bzw. Lösch- und Bergefahrzeug überhaupt die alarmierten Einsätze abwickeln können (Ja, auch wir stehen auf Eigenschutz), entscheiden der Erkundungstrupp im Kommandofahrzeug und die Einsatzleitung im Feuerwehrhaus in kurzen Abständen.
Eine Stromzufuhr ist immer noch in weiter Ferne – gut, dass unser Notstromaggregat seinen Dienst weiterhin leistet. Aber selbst dieses hat nach gewisser Zeit ein Bedürfnis nach Kohlenwasserstoffen (kurz Benzin). Ein Besuch bei der Tankstelle in Haslach bringt Ernüchterung: Kein Strom – kein Treibstoff….. Handpumpe oder mögliche Notstromversorgung: Fehlanzeige.
Gut, dass die Bezirkshauptstadt mit Strom versorgt wird. So gilt es: ab nach Rohrbach zum Treibstoff fassen.
Dabei wird auch gleich Verpflegung für die Kameraden organisiert: Knacker und Buren werden uns schon über den Tag bringen!
Währenddessen wird der Bürgermeister – rechtlich gesehen der Chef einer Freiwilligen Feuerwehr – über die aktuelle Lage informiert. Die Bauhofmitarbeiter werden samt Gerätschaft der Feuerwehr “unterstellt” und sind mit den Traktoren eine große Stütze bei den Aufräumarbeiten.

Während die Einen schnell ihr Mittagsmahl verzehren und die Anderen den Treibstofftank der Motorsägen auffüllen, wird eine weitere Einsatzbesprechung abgehalten. Dabei werden die anstehenden Einsätze wieder auf die einzelnen Einheiten verteilt.
Nun ist endlich mal auch Zeit für den Einsatzleiter sich ein Bild von “draußen” zu machen: mit dem Kommandofahrzeug werden einige schadhafte Objekte begutachtet und die Lage bewertet.

Als gegen 13:15 Uhr der Strom wieder durch die Leitungen fließt, ist dies wohl das Einläuten der ruhigeren Phase – Sturm Sabine lässt doch deutlich nach.
Nichtsdestotrotz dauert es bis 18:30 Uhr, bis alle 16 Einsätze abgewickelt sind und die Feuerwehrautos wieder den Platz in der Garage einnehmen können.

Wie ist nun das Resümee der Einsatzleitung?
Thomas Kirschner / Clemens Ornetzeder:

Großschadenslagen wie dieses Sturmtief zeigen uns, wie wichtig die Schlagkraft der Feuerwehren ist. Wir standen den ganzen Tag in Kontakt zu unseren Nachbarfeuerwehren. Einige Einsätze wurden über die Grenzen der Gemeinden hinaus erledigt oder gemeinsam abgearbeitet. 

Nicht nur adäquate Ausrüstung und Ausbildung der Feuerwehren sind ausschlaggebend, sondern auch die Bereitschaft der Kameraden, Urlaubstage zu opfern oder den eigenen Betrieb im Notfall stillstehen zu lassen. 

Im Gegensatz zu Rettungsaktionen bei Bränden oder nach Unfällen sind umgestürzte Bäume für die Feuerwehr aus technischer und taktischer Sicht vergleichsweise einfach abzuarbeiten. 

Bei Ereignissen wie eben diesem Sturmtief rücken die Anforderungen an  Eigensicherung, Lagebeurteilung und das Setzen von Prioritäten in den Vordergrund. Die Kombination dieser Faktoren mit Aspekten wie Nachschub, Gerätschaften, elektrischer Energie und vielem mehr machen Einsätze dieser Art aber doch zu einer großen Herausforderung. 

Als Einsatzleiter ist es daher gut zu wissen, dass die Aufgaben von sehr gut ausgebildeten und vor allem top motivierten Kameraden abgearbeitet werden!

“Sabine” – ein Blick hinter die Kulissen
“Sabine” – ein Blick hinter die Kulissen
“Sabine” – ein Blick hinter die Kulissen
“Sabine” – ein Blick hinter die Kulissen